Beschaffung, Corona / Pandemie, da war doch was?

Richtig – Supply Chain war out und sollte Supply Net werden! Und jetzt das Déjà-vu?

17.04.2026 | Artikel von Jost H. Buthmann

JA, sagen Sie, glaubten wir doch alle das Lieferantennetzwerk längst zu haben. Die wichtigsten Telefonnummern der Chefetagen unserer Lieferanten sind auf dem Handy des Einkaufsleiters, wir machen regelmäßige Lieferantenbewertungen und strafen die Schlechten ab, wir bewerten die Risiken für die Konformität mit LKSG-, ESG- und CSR-Aspekten und kümmern uns um Nachhaltigkeit und CO2-Fußabdruck.

Okay sagte ich damals, alles gut und richtig, aber das hangelt sich immer noch an der alten Supply Chain entlang. Die klassische Lieferkette ist eher sequenziell gebaut. Jeder Teilnehmer ist vor- und nachgelagert von den anderen Teilnehmern abhängig. In diesen Konstellationen ist es sehr schwer in Krisenzeiten parallel und breit gestreut nach Lösungen zu suchen.

Und heute? Wie die letzten Wochen und Monate brandaktuell bewiesen, führt ein hektisches Abtelefonieren der Supply Chain immer noch zu keinen brauchbaren Ergebnissen. Die einmal gerissene Supply Chain ist auch mit viel Aufwand und Ressourcen kaum wieder herzustellen.

Das aktuelle Beispiel dazu, Mikrochips und Halbleiter: Das Design aus der EU und Nordamerika, unverzichtbare Rohstoffe (z. B. Helium) aus den Golfstaaten und die Produktion in Süd-Ost-Asien. Jetzt ist die Straße von Hormus dicht und der Ketten-Bruch ist da.

Ihr Supply Net hingegen verbindet die Beschaffungsaktivitäten untereinander nicht nur mit den Lieferanten, sondern auch mit diversen Stufen der Vorlieferanten. Die Abläufe und Aktionen werden vorher gemeinsam abgestimmt und festgelegt. Das ermöglicht in Krisensituationen eine schnellere, effektivere und gleichzeitige Reaktion aller Beteiligten. Ihr Supply Net hält, auch bei einem Ausfall einzelner Teilnehmer. Somit bricht nicht gleich der komplette Ablauf auseinander im Gegensatz zur Supply Chain. Ihr Supply Net federt die Störung ab. Die Erarbeitung von Alternativen und Lösungen läuft automatisch an und der Kunde, Ihr Einkaufsleiter, sitzt sprichwörtlich wie die Spinne im Netz und zieht die Fäden.

Der Gedanke Supply Net ist in der folgenden Abbildung skizziert und konkrete Praxisbeispiele folgen im Weiteren.

Denn, als sei das alles samt weltweitem Dauerkrisenmodus, Krieg in Europa, Gaza, Iran, grassierender Inflation, galoppierenden Energiepreisen und gerissenen Lieferketten nicht schon genug, holt die Realität uns eben doch mit oben genanntem Beispiel brutal wieder ein! Die Verantwortung wird wieder munter hin und her geschoben, alle schreien nach der Politik (die Teil des Problems und nur bedingte Teil der Lösung ist) und jeder zeigt als erstes auf den anderen. Und an den Endkunden, der das alles bezahlen soll, hat wieder keiner gedacht. Wo bitte sind die alle falsch abgebogen, solche Supply Chains / Experten braucht kein Mensch.

Wenig überraschend wird die Thematik in einer Studie aus Deutschland und Österreich (Prof. M. W. Exler / Prof. M. Situm / J. Bagari M. A., Kufstein) ebenfalls aufgegriffen. Dort empfehlen die Wissenschaftler ausdrücklich, die Risikobewertung der Wertschöpfungstiefe, die Diversifizierung der Lieferantenportfolios und die Digitalisierung der Prozesse – also den Aufbau eines Supply Nets – unbedingt in wirtschaftlich profitablen bzw. guten Zeiten voranzutreiben.

Das wiederum passt gut, denn auch wir Beschaffungsmanager/-innen folgen seit langem einer Supply Net-Maxime, die lautet: idealerweise so viele Lieferanten und Lieferquellen qualifiziert und verfügbar zu haben, dass man in Krisenzeiten auch größere Mengen verschieben kann, in Deutschland, in Europa (Ost und West) und weltweit. Das ist leichter gesagt als getan, denn der eigene Verstand weiß doch längst, dass eine komplette Rückdrehung der etablierten Globalisierung nicht kommen wird. Der Kosten- und Zeitfaktor dazu entbehrt jeder Grundlage.

Also die Ärmel hoch und den Stier bei den Hörnern gepackt, denn wie wusste schon Seneca vor fast 2.000 Jahren: „Nicht, weil es so schwer ist, wagen wir es nicht, weil wir es nicht wagen, ist es so schwer!“ Wir müssen aus unseren Komfortzonen raus, raus aus unseren firmeninternen Silos, rein in Netzwerke und auf Plattformen, in das Supply Net, um dann Daten gemeinsam an der richtigen Stelle, zur richtigen Zeit und zur vereinbarten Zielerreichung zu nutzen.

Drei technische Ansätze, die gerade in Kombination dabei helfen Supply Net Strukturen effizient und erfolgreich zu etablieren, sind im Folgenden kurz beschrieben:

1. Blockchain – Transparenz, Vertrauen und Automatisierung in Lieferketten

Die Blockchain-Technologie hat sich weiter professionalisiert und wird inzwischen branchenübergreifend in produktiven Supply-Chain-Netzwerken eingesetzt. Der Fokus liegt neben Transparenz und Unveränderbarkeit der Daten zunehmend auf der effizienten Automatisierung von Prozessen mittels Smart Contracts, z. B. zur automatischen Freigabe von Zahlungen, bei Erfüllung vordefinierter Vertragsbedingungen:

– IBM Food Trust (2024 erweitert): Dieses Blockchain-Netzwerk wird von Unternehmen wie Nestlé, Carrefour und Walmart genutzt, um Herkunft, Lagerbedingungen und Qualitäts-nachweise etwa für frische Lebensmittel lückenlos und in Echtzeit entlang der gesamten Lieferkette zu dokumentieren

– CargoX (2024 mit Maersk Kooperation): CargoX setzt weltweit Digital Bill of Lading-Lösungen auf Blockchain-Basis um. Frachtpapiere und Besitzdokumente werden manipulationssicher, digital und global transferiert, was Handling-Kosten und Betrugsrisiken drastisch reduziert

2. Internet of Things (IoT) – Echtzeitdaten als Rückgrat smarter Supply Nets

Moderne IoT-Lösungen vernetzen heute nicht mehr nur einzelne Sensoren, sondern ganze Anlagen, Fahrzeuge und Produkte in Echtzeit. Die Integration von IoT an strategischen Punkten ermöglicht durchgängige Transparenz über Warenströme, Umgebungsbedingungen und Prozessstatus‘ in Supply Nets:

– Siemens MindSphere & Schaeffler: Im Automobil-Zuliefernetz werden über 30.000 Maschinen und Anlagen via IoT-Plattform überwacht, um Wartungsbedarfe frühzeitig zu erkennen und Stillstandszeiten proaktiv zu reduzieren

– DHL SmartSensor: Temperatur- und Feuchtigkeitssensoren in Kombination mit Cloudanbindung garantieren die lückenlose Nachverfolgung sensibler Sendungen wie Impfstoffen – inklusive automatischer Benachrichtigungen im Störungsfall

3. Künstliche Intelligenz (KI) – Von der Prognose zur autonomen Entscheidungsfindung

Der Durchbruch generativer KI (ChatGPT, Copilot, Claude u.a.) hat dem Einsatz von KI in Supply Nets einen enormen Schub verliehen. KI wird eingesetzt zur Nachfrageprognose, Routenoptimierung, Risikoidentifikation und zunehmend für autonome Entscheidungen im operativen Betrieb:

– Project44 & FourKites: Predictive Analytics und KI-Algorithmen ermöglichen genaue Ankunftszeiten (Estimated Time of Arrival / ETA) im internationalen Frachtverkehr – unter Berücksichtigung von Wetter, Verkehr und geopolitischen Ereignissen

– Unilever & Blue Yonder: Einsatz von Machine Learning zur Optimierung von Beständen, Produktionsplänen und Distributionsnetzen. Ergebnis: Deutliche Reduktion von Lagerbeständen und Out-of-Stock-Ereignissen weltweit

– Amazon & „Automated Drone Delivery“: KI-Lösungen steuern komplexe Logistik-Netzwerke aus Drohnen, IoT und Blockchain-Elementen für sichere, zuverlässige und effiziente Auslieferungen

Die Beispiele zeigen eines ganz deutlich: Der Technologiewandel und die Digitalisierung sind heute fast zu jeder Zeit und überall verfügbar und das notwendige Risikokapital steht auch ausreichend zur Verfügung. Das sind die perfekten Rahmenbedingungen, um Supply Net Strukturen abzusprechen und zu etablieren. Worauf warten wir noch?

Wenn Sie diese Themen auch im Unternehmen wahrnehmen und angehen wollen, dann haben wir die Menschen, Methoden und die Werkzeuge / Instrumente, um gemeinsam Ihr Supply Net, das Beschaffungsmarketing und das Lieferantenmanagement nachhaltig und gezielt zu entwickeln.

Ihr Ansprechpartner

Jost H. Buthmann ist Partner bei der ANXO

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