Psychologie in der Krise

Warum über den Sanierungserfolg nicht nur Zahlen entscheiden

18.09.2026 | Artikel von Dagmar Strehlau und Manuel Czwalina

Unternehmenskrisen werden meist in Zahlen beschrieben: sinkende Umsätze, angespannte Liquidität, steigende Verschuldung oder verfehlte Planungen. Doch wer Krisen ausschließlich durch die betriebswirtschaftliche Brille betrachtet, übersieht etwas Entscheidendes: den Faktor Mensch.

Bevor eine Krise in der Bilanz sichtbar wird, ist sie oft längst in den Köpfen angekommen: als Unsicherheit, Verdrängung, Angst oder Hoffnung auf eine schnelle Besserung. Ob Warnsignale früh erkannt, schwierige Entscheidungen getroffen und Veränderungen konsequent umgesetzt werden, hängt nicht nur von Zahlen ab, sondern auch von Wahrnehmung, Kommunikation und Führungsverhalten. Psychologie ist deshalb kein „weiches“ Randthema der Sanierung, sondern ein wesentlicher Erfolgsfaktor.

Im Folgenden beleuchten wir daher drei zentrale Bereiche, in denen psychologische Dynamiken den Verlauf und den Erfolg einer Sanierung maßgeblich prägen: die frühzeitige Prävention, den eigenen Krisenmodus der Führung sowie den Umgang mit Mitarbeitenden, wenn Unsicherheit und Angst spürbar werden.

1. Prävention: Krisen beginnen oft früher, als man sie wahrhaben möchte und Resilienz muss frühzeitig aufgebaut werden

Unternehmenskrisen entstehen selten über Nacht. Meist kündigen sie sich lange vorher an: sinkende Margen, schwächere Auftragseingänge, steigender Liquiditätsdruck oder vertagte Entscheidungen. Kaufmännisch sind diese Signale häufig messbar. Psychologisch werden sie jedoch oft relativiert.

 

„Das ist nur eine vorübergehende Schwäche.“
„Der Markt wird sich erholen.“
„Der nächste Auftrag löst das Problem.“

 

Solche Gedanken reduzieren kurzfristig Stress, kosten langfristig aber wertvolle Zeit. Denn je später eine Krise erkannt wird, desto kleiner wird der Handlungsspielraum. Prävention bedeutet deshalb mehr als Kennzahlen zu überwachen. Unternehmen brauchen eine Kultur, in der kritische Entwicklungen früh angesprochen werden dürfen.

Neben einem verantwortungsvollen Blick auf die Realität heißt Prävention auch rechtzeitig mentale und Verhaltens-Resilienz aufzubauen. Verfügt man hier über einen entsprechenden „Speicher“, werden Krisen souveräner bewältigt. Auch hier gilt der Satz: „Komm nicht zu spät“: Ist man bereits in einer Krise und versucht, dann spontan Resilienz aufzubauen wird es wesentlich schwieriger.

Resilienz ist lernbar, daher sollten „gute Zeiten“ genutzt werden, sie zu trainieren, umso leichter fällt dann der Einsatz in schwierigen Zeiten.

Resilienz sollte in diesem Zusammenhang von verschiedenen Seiten aufgebaut werden:
Nehmen Sie sich die Zeit…

  • …sich mit Ihrem eigenen Krisenverhalten auseinanderzusetzen,
  • …sich der eigenen Stärken und Schwächen bewusst zu werden,
  • …Vertrauen im Team aufzubauen,
  • …offene Kommunikation zu schaffen,
  • …„die Krisensituationen durchzuspielen“ – und hier nicht nur die Finanzen und das Unternehmen prüfen, sondern auch sich selbst und das Führungsteam fit machen in proaktiver Risikoplanung.

 

2. Krisenmodus für mich selbst: Wer sich selbst nicht führt, kann nicht durch eine Krise führen

Den Ernst der Lage anzunehmen, ohne in Panik zu verfallen, ist ein wichtiger psychologischer Schlüssel. Nicht jede Krise ist gleich, einige Situationen erreichen für Führungskräfte und Unternehmen eine emotionale Tiefe, die mit traumatischen Erfahrungen vergleichbar ist.

Ein plötzlicher Umsatzeinbruch, drohende Massenentlassungen oder die drohende Insolvenz stellen extreme Situationen dar, die ein Trauma auslösen können. Gerade in solchen Ausnahmemomenten können Verantwortliche Gefühle von Kontrollverlust, Hilflosigkeit oder sogar Ohnmacht erleben.

Körperliche Symptome wie Schlaflosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten oder gereizte Stimmungslagen begleiten nicht selten diese Phasen. Manche Führungskräfte sprechen rückblickend davon, wie „wie im Film“ oder „wie gelähmt“ durch die Zeit gegangen zu sein – klassische Anzeichen einer akuten Belastungsreaktion, wie sie auch aus anderen traumatischen Situationen bekannt ist.

Behalten Sie auch im Blick, dass in Krisenzeiten das Gehirn nicht im „Normalmodus“ arbeitet. Ein gutes Bild gibt hier die Prospect Theory von Kahneman. Kahneman argumentiert, dass Menschen im Hinblick auf die Zukunft im Regelfalle in die nahe Zukunft und nicht in die ferne denken. Stellt man sich Menschen vor, die langfristigen Wohlstand anstreben, und im Gegenpol Menschen, die den morgigen Tag ohne Verluste überstehen wollen, dann verändert sich unsere Sichtweise auf ihr Verhalten maßgeblich.

„Menschen nehmen Verluste viel stärker wahr als Gewinne. Menschen hassen es, zu verlieren.“ (Kahneman, D.) Weiterhin beschreibt Kahneman in der Prospect Theory, dass kognitive Verzerrungen (biases) das Verhalten unter Unsicherheit systematisch beeinflussen. Insbesondere reagieren Menschen stärker auf Verluste als auf Gewinne; sie investieren mehr Energie in die Vermeidung von Nachteilen als in die Erzielung von Vorteilen.

Techniken, die helfen, diese Traumata zu überwinden sind:

  • Akzeptanz und Benennung der Situation: Es hilft, das Erlebte offen zu benennen und sich die eigenen Gefühle einzugestehen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Klarheit
  • Professionelle Unterstützung nutzen: In besonders belastenden Phasen kann es hilfreich sein, externe Unterstützung in Anspruch zu nehmen, zum Beispiel durch erfahrene Coaches
  • Offen vermitteln, wie herausfordernd die Situation ist und dass gemeinsam nach Lösungen gesucht wird
  • Nach der Krise: Verarbeitung und Lerneffekte: Traumatische Wirtschaftskrisen hinterlassen Spuren – aber sie führen auch zu Wachstum, wenn sie reflektiert werden. Für das Management gilt: Nach überstandener Krise bewusst innezuhalten, sich mit dem Erlebten auseinanderzusetzen und das Team in die Aufarbeitung einzubeziehen
  • Entlastung schaffen: Aufgaben delegieren, Prioritäten schärfen, sich Rückzugsorte für kurze Erholungsphasen schaffen – auch Manager brauchen in solchen Momenten „Schutzräume“. Arbeiten mit Techniken aus der positiven Psychologie: Stärken des Selbstwerts und des Selbstmitgefühls können helfen auch schwierige Phasen besser zu meistern

 

3. Wenn es andere erwischt: Führen, wenn Menschen Angst haben

Eine Unternehmenskrise betrifft nie nur die Geschäftsführung. Mitarbeitende spüren Unsicherheit oft früh: Entscheidungen dauern länger, Gerüchte entstehen, Vertrauen sinkt.

Psychologisch stehen dann drei Bedürfnisse im Vordergrund: Orientierung, Sicherheit und Fairness. Menschen wollen wissen, was passiert, was es für sie bedeutet und ob Entscheidungen nachvollzieh-bar getroffen werden.

Gerade weil in Krisen nicht immer alle Antworten vorliegen, ist Kommunikation entscheidend. Wo Informationen fehlen, entstehen Spekulationen. Menschen verkraften schlechte Nachrichten häufig besser als unklare Nachrichten. Gute Krisenkommunikation benennt deshalb ehrlich, was bekannt ist, was noch unklar ist und wann weitere Informationen folgen.

Fünf Tipps für gute Krisenkommunikation:

  • Kommunizieren Sie früh. Warten Sie nicht, bis alle Antworten vorliegen
  • Benennen Sie klar, was bekannt ist. Trennen Sie Fakten, Annahmen und offene Fragen
  • Erklären Sie Entscheidungen nachvollziehbar. Menschen akzeptieren harte Schritte eher, wenn sie die Gründe verstehen
  • Geben Sie Orientierung. Sagen Sie, was als Nächstes passiert und wann weitere Informationen folgen
  • Bleiben Sie fair und respektvoll. Auch in der Sanierung entscheidet der Umgang mit Menschen über Vertrauen und Umsetzungskraft

 

Wenn es zu Entlassungen kommt, sollte man die Survivor Bias im Blick haben: Bei Kündigungen kommt es häufig bei den noch verbleibenden Mitarbeitenden zu einer hohen Demotivationswelle, verursacht durch ein schlechtes Gewissen „überlebt“ zu haben!

Unternehmenskrisen verlangen kaufmännische Professionalität: belastbare Zahlen, Liquiditätstransparenz und konsequente Maßnahmen. Gleichzeitig werden Krisen von Menschen erlebt, bewertet und bewältigt. Deshalb ist Psychologie in der Krise kein Nebenthema, sondern Teil der Lösung.

Ihre Ansprechpartner

Dagmar Strehlau, Mitglied der Geschäftsführung der ANXO

Dagmar Strehlau

Mitglied der Geschäftsführung

Manuel Czwalina ist Project Manager bei der ANXO

Manuel Czwalina

Manager

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